Reutlingen:
Reformen dringend nötig, Wohlstand in Gefahr: Der Neujahrsempfang von IHK und Handwerkskammer
Es sind schwierige Zeiten für die Wirtschaft in Deutschland. Das wurde auch auf dem gemeinsamen Neujahrsempfang von IHK und Handwerkskammer am Donnerstagabend in der Stadthalle Reutlingen deutlich. Und schuld, so der Tenor, sei die Politik. Dringend notwendige Reformen wie Steuersenkungen und Bürokratieabbau ließen auf sich warten, so die Kritik der Kammerpräsidenten Johannes Schwörer und Alexander Wälde. Den Gastvortrag des Abends hielt Andreas Stenger, Präsident des LKA. Er sprach über Sicherheit als Standortfaktor.
Mit viel Getöse begann der offizielle Teil des Neujahrsempfangs der regionalen Wirtschaft. Die Drum-Stars sorgten für die musikalische Untermalung eines Abends, an dem mahnende Worte im Vordergrund standen.
IHK-Präsident Johannes Schwörer erinnerte daran, dass es nur dann Wohlstand geben kann, wenn es auch der Wirtschaft gut geht. "Letzten Endes muss sich natürlich jeder klar sein, die ganzen Ausgaben und die Hilfen, die wir auch haben, also für die Arbeitslosen und auch Sozialhilfe unsoweiter, das sind ja alles erwirtschaftete Gelder, die aus einer gut funktionierenden Wirtschaft rauskommen, und wenn die Gelder nicht mehr erwirtschaftet werden, dann kann man auch nichts mehr verteilen", so Schwörer.
Das Problem ist: Die Wirtschaft ist nicht gut funktionierend: Auch in der Region drohen Abwanderungen ins Ausland. Deshalb seien Reformen nötig. Energiepreise seien zu hoch, das Rentensystem reformbedürftig. Und beim Thema Steuern sei die derzeitige Diskussion um die Erbschaftssteuer kontraproduktiv. Denn Ziel müsse sein, die Unternehmen in Deutschland zu halten.
"Wenn wir die jetzt vertreiben mit so einer blödsinnigen Diskussion, die wir gerade absolut nicht brauchen, also, dass sie sagen, ja, ich habe mein Geld schon versteuert, jetzt muss ich es noch mal versteuern über eine Erbschaftssteuer, das ist einfach so abtörnend, dass das in einer wirtschaftlich schwierigen Lage, in der wir uns befinden, das falsche Thema ist, und das darf jetzt gerade nicht geführt werden", so Schwörer.
Ein ganz anderes Thema sprach LKA-Präsident Andreas Stenger an. Es ging um Sicherheit in Zeiten von Spionage, Sabotage, organisierter Kriminalität und Desinformation. Doch eine besonders starke Bedrohung für Unternehmen geht von Cybercrime aus.
"Ich glaube, Cybercrime ist das Kriminalitätsphänomen, das sich am dynamischsten entwickelt, ich glaube, viele Tatgelegenheitsstrukturen, die entstehen, werden zunehmend genutzt", so Andreas Stenger. "Sie brauchen nicht unbedingt ein IT-Spezialist zu sein, über Underground Economy, über Darknet können Sie sich kriminelle Dienstleistung kaufen."
Und genau das tun immer mehr gut organisierte Cyber-Verbrecher. In den vergangenen zwölf Monaten sei jedes zweite Unternehmen Opfer von Cyber-Erpressung geworden, berichtet Stenger. In diesem Fall sei es ganz wichtig, das Lösegeld nicht zu zahlen.
"Das Unternehmen sollte auf jeden Fall eine Anzeige erstatten, die Polizei informieren, wir können beraten, wir können unterstützen, wir können forensisch feststellen, wie die Täter vorgegangen sind und können auch mit dazu beitragen, dass Daten wieder hergestellt werden können, wenn wir entsprechende Kenntnisse haben", so Stenger.
Fatal wäre es zu glauben, mit einer Lösegeldzahlung sei das Problem gelöst, denn dann würde das Unternehmen immer wieder Opfer von Cyber-Erpressung.
Den Abschluss des Abends bildete die Ansprache des Präsidenten der Handwerkskammer Reutlingen Alexander Wälde. Er forderte Bürokratieabbau, sprach von einem regelrechten „Formular-Burnout".
"Ich glaube, das ist ein Endlosthema, aber wie gesagt: Das kann man gar nicht in Worte fassen, sondern das ist uns wichtig, dass was geht, dass da im Handwerk was geht und bei uns die Bürokratie wirklich am Schreibtisch morgens schon überhand nimmt und uns einfach Zeit kostet. Und dann eben Auftragsabarbeitung nicht stattfindet sondern eher erst mal Bürokratieabbau morgens schon", so Wälde.
Man müsse hier im Bürokratie-Dschungel schon richtig aufräumen, sagt Wälde. Ein zweites wichtiges Thema: Fachkräfte. "Fachkräftemangel ist natürlich ein demographisches Problem, aber ich denke, das ist uns ganz wichtig, dass man in den Schulen die Kinder abholt. Und dass man natürlich auch im Gymnasialunterricht auch das Handwerk nicht vergisst. Also, das ist immer, ich sage mal Hauptschule, Werkrealschule, Realschule, da wird es mitgenommen, das Handwerk, aber in der Gymnasialebene überhaupt nicht."
Mahnende Worte und allerhand Trommelwirbel also beim Neujahrsempfang von IHK und Handwerkskammer. Und damit verbunden die Hoffnung, dass die Reformwünsche in Berlin und Stuttgart erhört werden.










